Aufeinander zugehen statt Vorurteile pflegen – Bewegende Begegnung mit jüdischen Jugendlichen
Drei jüdische Jugendliche aus Zürich und Biel besuchten die Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Dialog- und Begegnungsprojekts Likrat. Das Projekt des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) setzt seit 2002 auf persönliche Gespräche, Aufklärung und Begegnungen auf Augenhöhe, um Vorurteile, Stereotype und Antisemitismus abzubauen. Das hebräische Wort „Likrat“ bedeutet „aufeinander zugehen“ – und genau das wurde an diesem Vormittag eindrücklich spürbar.
Während eineinhalb Stunden entstand ein offener, ehrlicher und respektvoller Austausch. Die Jugendlichen, welche dem liberalen Judentum angehörten, erzählten nicht nur über das Judentum als Religion, sondern vor allem über ihren Alltag, ihre persönlichen Erfahrungen und darüber, wie es ist, als jüdische Minderheit in der Schweiz zu leben. Besonders wertvoll war dabei, dass wirklich jede Frage gestellt werden durfte – ganz ohne Tabus.

Die Schülerinnen und Schüler nutzten diese Gelegenheit intensiv. Es wurde gefragt, ob „alle Juden reich seien“ oder ob sie tatsächlich „die Medien kontrollieren“ würden. Themen wie koscheres Essen, das Verbot von Schweinefleisch oder die Frage, ob jüdische Jugendliche Alkohol trinken dürfen, kamen ebenso zur Sprache wie religiöse Traditionen und Feiertage. Einer der Schüler meinte überrascht, die Gäste würden „gar nicht wie typische Juden aussehen“. Er habe gedacht, es würden streng orthodoxe Männer mit Kippa, schwarzen Mänteln, Hüten und Schläfenlocken kommen. Gerade solche Aussagen machten deutlich, wie stark Bilder und Vorstellungen oft von Klischees geprägt sind – und wie wichtig echte Begegnungen sind, um diese aufzubrechen.

Besonders eindrücklich war, dass die Jugendlichen auch persönliche Gegenstände aus ihrem religiösen Alltag mitgebracht hatten: einen Gebetsschal (Tallit), Gebetsriemen (Tefillin) sowie jüdische religiöse Schriften. Die Gegenstände wurden erklärt, im Kreis herumgereicht und von den Schülerinnen und Schülern interessiert betrachtet. So wurde Religion plötzlich greifbar und menschlich.
Sehr nachdenklich machte die Schilderung über den zunehmenden Antisemitismus seit dem 7. Oktober. Die Jugendlichen erzählten offen, dass sich die Stimmung auch in der Schweiz spürbar verändert habe. Einer von ihnen berichtete, dass er heute aus Angst und Unsicherheit oft darauf verzichte, seine Kippa öffentlich zu tragen, weil jüdische Menschen auf der Strasse, im Bus oder in der Tram beschimpft oder sogar angespuckt würden. Diese persönlichen Erlebnisse hinterliessen bei vielen Schülerinnen und Schülern einen bleibenden Eindruck. Parolen wie „Free Palestine“ seien heute omnipräsent.

Auch die Frage nach ihrer Identität wurde offen diskutiert: Wie fühlt es sich an, jüdisch zu sein? Hätten sie sich manchmal gewünscht, nicht jüdisch zu sein? Die drei Jugendlichen antworteten ehrlich, dass es schwierig sein könne, einer Minderheit anzugehören. Manchmal wäre vieles einfacher, wenn man kein Jude wäre. Gleichzeitig seien sie stolz auf ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Religion. Einer meinte schmunzelnd, dass er manchmal gerne an einem Samstag Fussball spielen – und ein zweiter ergänzte, dass er am Freitagabend statt Schabbat feiern gerne ausgehen würde.
Wichtig war den Gästen auch klarzustellen, dass sie nichts mit der Politik Israels „am Hut“ hätten. Sie fühlten sich als Schweizer, seien ihrem Land loyal und würden dieses auch verteidigen – entweder im Wehrdienst oder als Zivildiener. Dass heute oft Judentum und die Politik Israels in denselben Topf geworfen würden, sei unfair und schlicht falsch.

Gerade in einer Zeit, in der auch unter Jugendlichen wieder vermehrt rechtsradikale Strömungen, Hassparolen und antisemitische Vorurteile sichtbar werden, war diese Begegnung von grosser Bedeutung. Sie zeigte eindrücklich, wie wichtig Dialog, Zuhören und persönliches Kennenlernen sind. Aus Fremden wurden innerhalb kurzer Zeit Menschen mit Geschichten, Sorgen, Humor und Träumen – Jugendliche wie alle anderen auch.
Am Ende verliessen die Schülerinnen und Schüler das Klassenzimmer mit einem Lächeln. Sie applaudierten lange und bedankten sich für die Offenheit, den Mut und die Ehrlichkeit der drei Gleichaltrigen, die ihnen ihre Religion und ihren Alltag nähergebracht hatten. Es war eine Begegnung, die sicherlich noch lange nachwirken wird.
Text und Bilder: Benjamin Koeck

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