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22.09.2010
Irith Wiznitzer und Stella Doron - Geschichte hautnah!
„Lebende Geschichte“ an der Oberschule Eschen


„In einer Nacht schliefen wir wieder in einer Scheune. Die war aber sehr klein und da konnten wir nur im Sitzen, ganz nahe aneinander gelehnt, schlafen. Neben mir sass zufällig ein Nachbarsmädchen von zuhause. Die war älter als ich. Sie hatte schon Typhus. Sie betete neben mir zu Gott und sprach: „Lieber Gott, gib mir ein bisschen Sonne mir ist so kalt, sie soll mich ein bisschen wärmen.“ Sie hat die Augen zugemacht und ist gestorben. Und dann ist die Sonne herausgekommen! Von diesem Tag an haben wir nicht mehr gebetet. Ich sagte zu Herta: „ Das ist das Schicksal von uns allen. So wird es uns alle treffen. In ein oder zwei Wochen.“ Dies ist nur ein kleiner Teil der ergreifenden Erzählung vom Todesmarsch 1945, den Irith Wiznitzer als Neunzehnjährige, abgemagert auf 29 Kilos erlebt und überlebt hat.

Am 10. September besuchte Frau Wiznitzer die DrittklässlerInnen der OSE, um von ihrem Leben zu erzählen und damit von einem der schrecklichsten Kapitel der Geschichte, dem Holocaust, aus erster Hand Zeugnis abzulegen. Begleitet wurde sie von Stella Doron, ihrer fast 96-jährigen Schwester und Herrn Kurt Rentrop, der die beiden chauffierte.

Frau Doron wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs in eine jüdische Familie in Wien geboren. Die Familie übersiedelte noch vor der Geburt ihrer Schwester nach Andrichau, einer kleinen Stadt in Polen. Sie wanderte schon 1935 nach Palästina, dem heutigen Israel, aus. Die zurückgebliebene Familie kam nach dem Einmarsch der Deutschen zuerst in ein Ghetto. Später wurde das Ghetto aufgelöst und die Familie getrennt. Das Mädchen kam in ein KZ-Aussenlager um dort zu arbeiten, die Eltern wurden wohl gleich in den Tod geschickt. Im Januar wurde das Lager in dem sie gerade arbeitete evakuiert. Und 1500 Frauen und Mädchen begaben sich auf einen Todesmarsch. Als die Neunzehnjährige fliehen konnte, lebten von den 1500 nur noch 120.

Der Nachmittag war nicht nur für die Schülerinnen und Schüler ein ergreifender Moment. Nach der Veranstaltung kamen die beiden in Tel Aviv wohnhaften Damen ins Schwärmen: „Die Kinder waren so wohlerzogen. Sie haben 90 Minuten still zugehört und am Schluss haben sie alle uns die Hand gegeben und sich verabschiedet. Es war ein ganz schöner Nachmittag.“

Frau Wiznitzer hat auch noch per E-Mail eine Botschaft für die Schülerinnen und Schüler gesandt:

Sie wünscht den Schülerinnen und Schülern
- positiv formulierte Lebensziele, für die es sich lohnt zu kämpfen, und
nicht zu verzagen.
- Ziele, die sie weiterbringen in ihrem Leben; dass sie bereit sind, dafür zu arbeiten.
- Ausdauer, Fleiss. Und den Glauben daran, dass sich das Ziel lohnt
- Menschlichkeit, Mitgefühl, Pflege von Freundschaften, Zivilcourage

„Wenn ich zurück denke, kann ich das selber nicht glauben, dass ich das erlebt habe. Ich habe die Bilder. Als ich davon erzählt habe, habe ich geglaubt, ich erlebe das noch einmal. Aber im Grossen und Ganzen habe ich das ganze Leben – ich muss auf Holz klopfen – immer Glück gehabt.“

Unser Dank gilt diesen beiden hervorragenden Frauen, die uns nicht nur ein Stück Geschichte erleben liessen, sondern uns auch zeigten, was Geschwisterliebe und eine positive Einstellung zum Leben alles bewirken kann.
(Bericht von Arno Brändle)