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02.03.2016
Gemeinsames Holocaust-Gedenken an der OSE
Am Mittwoch fand in der neu gestalteten Aula des Schulzentrums Unterland zum Gedenken an das dunkle Kapitel des Holocausts eine Gedenkveranstaltung statt.

Eigentlich ist der international anerkannte Holocaustgedenktag jeweils am 26. Januar. Aus Termingründen zelebrierte die Oberschule Eschen diesen Tag am Mittwoch, den 2. März 2016. Alle Schülerinnen und Schüler der OSE erlebten eine ganz besondere Unterrichtseinheit.

 

Beinahe seit zehn Jahren organisiert Arno Brändle zusammen mit der Schulleitung und allen Kolleginnen und Kollegen eine speziell auf das Thema abgestimmte Aktion für die gesamte Schule. Im Vorfeld werden alle Schülerinnen und Schüler von den Lehrpersonen sensibel an das grauenvolle Thema der Judenvernichtung im Dritten Reich herangeführt, abgestimmt jeweils auf das Alter und die Reife der Schülerinnen und Schüler. Dieser Exkurs in die Zeitgeschichte gipfelt dann in einer gemeinsamen Veranstaltung.

 

Heuer durfte die OSE eine herausragende Persönlichkeit unseres Landes begrüssen, Frau Evelyne Bermann. Ihrem intelligenten, mutigen, gewaltfreien und hartnäckigen Einsatz und Kampf gemeinsam mit zahlreichen Mitstreiterinnen war es zu verdanken, dass seit 1984 endlich das Frauenstimmrecht in Liechtenstein eingeführt wurde.

 

Arno Brändle stellte die Künstlerin und politische Aktivistin vor und übergab Frau Bermann das Wort. Was folgte war eine Musterunterrichtseinheit in lebendiger Geschichte. Evelyne Bermann schilderte das Leben und Schicksal ihrer jüdischen Mutter.

 

Alice Ruth Cohn, geboren 1914 in Breslau, erlernt den Beruf der Schreinerin mit dem Ziel, Innenarchitektin zu werden. Die über 20‘000 Juden in Breslau leben unbehelligt und als gute Deutsche in der grossen Universitätsstadt, bis 1933 die NSDAP an die Macht kommt und Adolf Hitler Reichskanzler wird. Schnell verbieten die Ermächtigungsgesetze andere Parteien, andere Ideen, alle demokratischen Bewegungen. Erste Judenboykotte folgen. Trotz Berufsverbot versucht Alice, mit einem Reklame-Atelier ihr Leben zu meistern und ihre Eltern zu unterstützen. Mit der Einführung der Nürnberger Rassegesetze werden die jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland endgültig entrechtet. 1936 flieht Alice noch rechtzeitig nach Holland. Sie muss eine neue Sprache lernen, neue Freunde finden und Arbeit. Sie ist tüchtig, strebsam, wird Plakatmalerin und entwirft Stoffpuppen für eine Spielzeugfabrik.

1940 besetzen die Deutschen Holland. Den Soldaten folgen die Judenhetze und Verfolgung. Nachdem Alice grausam Bekanntschaft mit der brutalen GESTAPO (Geheimpolizei) macht, ist sie gezwungen unterzutauchen. Erst kann sie als Hilfskrankenschwester den ersten Deportationswellen entkommen, rettet sogar einem jüdischen Kind das Leben. Ab 1943 wird die Lage unerträglich. Sie entkommt den Nazischergen im letzten Moment. Unter dem Namen Jules Goedman flieht sie per Fahrrad nach Utrecht, schliesst sich dort einer Widerstandsgruppe an und fälscht - dank ihrer Fähigkeit als Zeichnerin - fortan Pässe, Ausweise und Lebensmittelkarten. Immer wieder muss sie untertauchen und umziehen, Angst und Hunger sind ständige Begleiter.

Ihre Eltern und zahlreiche Verwandte und Bekannte werden im Vernichtungslager Auschwitz grausam ermordet. Alice überlebt den Holocaust und feiert die Befreiung von der Nazi-Diktatur 1945.

Später besucht sie Tante und Cousin, die bereits 1937 nach Liechtenstein flohen, in Schaan. Dort lernt sie ihren Mann, den deutschen Juden Rudolf Bermann kennen und lieben. Alice Cohn heiratet und bleibt für immer im Fürstentum, baut gemeinsam mit ihrem Mann die Firma Schekolin auf, bekommt zwei Kinder und wird schliesslich 1973 eingebürgert. Nach Deutschland zurück will sie nie mehr.

 

Die Schülerinnen und Schüler und die gesamte Lehrerschaft lauschten beinahe andächtig dieser wahren Geschichte. Ganz beiläufig erfuhren alle Anwesenden, wie wichtig es ist, politisch aktiv zu sein, sich zu Gesellschaftsfragen Gedanken zu machen, zu denken und zu handeln. Ganz nebenbei konnten Parallelen zum aktuellen Weltgeschehen gezogen werden. Die Flüchtlingsproblematik und kriegerische Konflikte wurden kurz thematisiert.

 

Das Wichtigste jedoch, was allen Anwesenden geblieben ist, war: Zum Guten etwas bewegen lässt sich nur durch Vernunft und Menschlichkeit. Für diese Erkenntnis wurde Frau Bermann mit ehrlichem Applaus bedankt. Schule kann so spannend sein!